Es gibt verschiedene Persönlichkeitstests. Insbesondere Tests, die mehr oder weniger auf der Persönlichkeitstheorie des Arztes Carl Jung basieren, erfreuen sich bei Managern und Führungskräften immer größerer Beliebtheit. Warum sind Persönlichkeitstests so beliebt? Wie sieht die Persönlichkeitstheorie von Jung aus? Und wie können Sie Persönlichkeitstests in Ihrem Unternehmen einsetzen? In diesem Artikel besprechen wir all diese Aspekte des Persönlichkeitstests.
Warum ein Persönlichkeitstest?
Immer mehr Unternehmen führen im Rahmen des Auswahlverfahrens einen
Persönlichkeitstest durch. Persönlichkeitstests sollen den wahren Charakter eines potenziellen Mitarbeiters ans Licht bringen. Schließlich kann sich jemand in einem Vorstellungsgespräch besser darstellen, als er wirklich ist. Ein Persönlichkeitstest kann zeigen, ob jemand tatsächlich für die Stelle geeignet ist und ob er zum Unternehmen passt. Eine gute Übereinstimmung kann schließlich die Fluktuation senken und die Produktivität steigern.
| Vorteile von Persönlichkeitstests |
Mögliche Nachteile |
| Objektive Einblicke in Bewerberprofile |
Risiko der Etikettierung und von Vorurteilen |
| Bessere Übereinstimmung zwischen Stelle und Persönlichkeit |
Momentaufnahme: Persönlichkeit kann sich ändern |
| Verbesserte Teamdynamik und Zusammenarbeit |
Nicht immer wissenschaftlich fundiert |
| Geringere Kosten durch geringere Personalfluktuation |
Kann die Vielfalt in Teams einschränken |
Jungs Persönlichkeitstheorie
Jung stellte in seinem Buch „Psychologische Typen“ seine Persönlichkeitstheorie vor. Dabei geht er von vier psychologischen Funktionen aus: Denken und Fühlen (rationale Funktionen) sowie Wahrnehmung und Intuition (irrationale Funktionen). Darüber hinaus unterscheidet er zwei grundlegende Lebenshaltungen: Introversion und Extraversion. Laut Jung hat jeder Mensch eine dominante Lebenshaltung und eine Primärfunktion, die ihn zu einem bestimmten Persönlichkeitstyp machen.
Die vier psychologischen Funktionen nach Jung
Jung kategorisierte die menschliche Psyche anhand von vier grundlegenden Funktionen, die bestimmen, wie wir Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen:
| Funktion |
Typ |
Merkmale |
| Denken |
Rational |
Logik, Analyse, objektive Beurteilung |
| Fühlen |
Rational |
Werte, Emotionen, subjektive Beurteilung |
| Wahrnehmung |
Irrational |
Sinneswahrnehmung, konkrete Informationen |
| Intuition |
Irrational |
Möglichkeiten, Muster, unbewusste Einsichten |
Die 8 Jung-Persönlichkeitstypen:
- Der extrovertierte Denktyp
- Der introvertierte Denktyp
- Der extrovertierte Gefühlstyp
- Der introvertierte Gefühlstyp
- Der extrovertierte Wahrnehmungs-Typ
- Der introvertierte Wahrnehmungs-Typ
- Der extrovertierte intuitive Typ
- Der introvertierte intuitive Typ
Praktische Erkennung der 8 Jung-Typen
Jeder Persönlichkeitstyp weist spezifische Merkmale auf, die im Alltag und am Arbeitsplatz erkennbar sind:
| Persönlichkeitstyp |
Kernmerkmale |
Geeignet für folgende Funktionen |
| Extraverter Denktyp |
Praktisch, zielorientiert, organisatorisch |
Management, Beratung, Projektleitung |
| Introvertierter Denktyp |
Theoretisch, reflektierend, tiefgründig |
Forschung, Analyse, strategische Planung |
| Extravertierter Gefühlstyp |
Sozial, harmonisch, einfühlsam |
Personalwesen, Vertrieb, Kundenservice |
| Introvertierter Gefühlstyp |
Wertorientiert, loyal, fürsorglich |
Pflegewesen, gemeinnützige Organisationen, Coaching |
| Extrovertierter Wahrnehmungs-Typ |
Handlungsorientiert, flexibel, praxisnah |
Vertrieb, Marketing, Eventmanagement |
| Introvertierter Wahrnehmungs-Typ |
Praktisch, zuverlässig, detailorientiert |
Verwaltung, Buchhaltung, Technik |
| Extrovertierter, intuitiver Typ |
Innovativ, inspirierend, visionär |
Unternehmertum, Kreativwirtschaft |
| Introvertierter, intuitiver Typ |
Kreativ, unabhängig, zukunftsorientiert |
Design, Schreiben, strategische Beratung |
Definitionen
Um die Persönlichkeitstheorie verstehen zu können, ist es wichtig, die genannten Begriffe so zu definieren, wie Jung sie gemeint hat.
Introvertiert versus extrovertiert
Jung zufolge legt eine introvertierte Person den Fokus auf die innere Erlebniswelt, während bei einer extrovertierten Lebenseinstellung der Fokus eher auf der Außenwelt liegt.
Der Denktyp versus der Gefühlstyp
Der Denktyp handelt auf der Grundlage des Verstandes, während der Gefühlstyp mit dem Herzen handelt.
Der Wahrnehmungs-Typ versus der intuitive Typ
Der Wahrnehmungs-Typ lässt sich von äußeren Sinnesreizen leiten, während sich der intuitive Typ von undefinierbaren inneren Empfindungen leiten lässt.
Häufige Missverständnisse bezüglich Jungs Begriffen
Jungs Terminologie wird in modernen Persönlichkeitstests oft falsch interpretiert. Hier sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Jungs ursprünglicher Absicht und der heutigen Interpretation:
Wichtig:
Bei Jungs Introversion und Extraversion geht es nicht darum, schüchtern oder gesellig zu sein, sondern darum, woher jemand seine Energie bezieht und wohin er sie richtet. Eine introvertierte Person kann sehr gesellig sein, schöpft ihre Energie jedoch aus innerer Reflexion.
Dominante Lebenshaltung, gestützt durch eine Primärfunktion
Wie oben zu lesen ist, können die verschiedenen Lebenshaltungen und Funktionen als Gegensätze betrachtet werden. Laut Jung ist immer eine Lebenshaltung dominant. Daneben gibt es eine Primärfunktion, Sekundärfunktionen und eine untergeordnete, weniger entwickelte Funktion. Nehmen wir zum Beispiel den introvertierten Denktyp. Der introvertierte Denktyp hat also Introversion als dominante Lebenseinstellung, das Denken ist die Primärfunktion, die Wahrnehmung und die Intuition sind die Sekundärfunktionen und das Fühlen ist die untergeordnete, unterentwickelte Funktion.
Jungs System der Funktionshierarchie
Jung entwickelte ein komplexes System, in dem jede Person eine einzigartige Hierarchie von Funktionen aufweist:
| Funktionsniveau |
Rolle in der Persönlichkeit |
Entwicklungsgrad |
| Dominante Funktion |
Stärkste Seite, natürliche Vorliebe |
Hoch entwickelt |
| Hilfsfunktion |
Unterstützt die dominante Funktion |
Mäßig entwickelt |
| Tertiäre Funktion |
Wird weniger bewusst genutzt |
Eingeschränkt entwickelt |
| Untergeordnete Funktion |
Schwächster Punkt, Quelle von Stress |
Unterentwickelt |
Was hält Jung von Persönlichkeitstests?
Jung hat seine Persönlichkeitstheorie als Modell eingeführt, um verschiedene Personen im Rahmen der Psychotherapie einordnen zu können. Es war nie seine Absicht, Menschen anhand seines Modells zu etikettieren. Wüsste er, dass seine Lehre dazu genutzt wird, Menschen anhand einfacher Fragebögen einzuordnen, wäre er damit nicht einverstanden. Auch wenn er in seiner Theorie von Gegensätzen spricht, glaubte er nicht, dass Menschen sich immer ganz links oder ganz rechts auf dem Spektrum befinden. Das Ziel ist vielmehr, durch Psychotherapie ein harmonisches Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Haltungen und Funktionen zu finden.
Jungs Warnungen vor der Anwendung seiner Theorie
Carl Jung hat mehrfach vor einer falschen Interpretation seines Werks gewarnt:
„Es wäre ein großer Fehler zu glauben, dass es nur so viele psychologische Typen gibt, wie ich beschrieben habe. Es gibt so viele verschiedene Typen, wie es Menschen gibt.“: Carl Jung
Ist ein auf Jungs Theorie basierender Persönlichkeitstest auch etwas für Ihr Unternehmen?
Es gibt verschiedene Persönlichkeitstests, die mehr oder weniger stark auf Jungs Gedankenwelt basieren. So können Sie sich beispielsweise für den Myers-Briggs-Typenindikator, den Management-Team-Rollen-Indikator, den Typ-Dynamik-Indikator, den Jungianischen Typenindikator, Insights Discovery und den Golden Personality Type Profiler entscheiden. Der Nachteil dieser Tests ist, dass sie auf einer Theorie basieren, die nicht für die Auswahl von Mitarbeitern anhand ihres Charakters gedacht ist. Die Ergebnisse sind oft Momentaufnahmen, die zwar einen interessanten Einblick in die Persönlichkeit von (potenziellen) Mitarbeitern geben, aber wissenschaftlich nicht fundiert sind. Das eigentliche Ziel eines Persönlichkeitstests verfehlen Sie mit einem solchen Test.
Übersicht über beliebte Jung-basierte Tests
Diese Tests sind im Unternehmensumfeld beliebt, haben jedoch jeweils ihre eigenen Vor- und Nachteile:
| Test |
Schwerpunkt |
Anwendungsbereich |
Wissenschaftliche Grundlage |
| Myers-Briggs (MBTI) |
16 Persönlichkeitstypen |
Teambildung, Karriereberatung |
Eingeschränkt |
| Insights Discovery |
Farbpsychologie |
Kommunikation, Vertrieb |
Mäßig |
| DISC-Assessment |
Verhaltensstile |
Führungskräfteentwicklung |
Mäßig |
| Jungianischer Typenindikator |
Ursprüngliche Jung-Theorie |
Psychotherapie, Coaching |
Theoretisch |
Der Big-Five-Persönlichkeitstest: sehr empfehlenswert
Wenn Sie gerne einen Persönlichkeitstest in das Auswahlverfahren für potenzielle Mitarbeiter integrieren möchten, sollten Sie sich am besten für einen professionellen und wissenschaftlich fundierten Test wie den
Big-Five-Persönlichkeitstest entscheiden. Der Big-Five-Persönlichkeitstest stützt sich auf
fünf Dimensionen, anhand derer die Persönlichkeit einer Person beschrieben werden kann, nämlich:
- Extraversion/Introversion
- Verträglichkeit
- Gewissenhaftigkeit
- Emotionale Stabilität/Neurotizismus
- Erfahrungsbereitschaft
Warum die Big Five den auf Jung basierenden Tests überlegen sind
Die wissenschaftliche Fundierung der Big Five macht sie zu einem zuverlässigeren Instrument für die Personalauswahl:
| Aspekt |
Jung-basierte Tests |
Big Five |
| Wissenschaftliche Validierung |
Begrenzte Forschung |
Umfassend validiert |
| Prädiktiver Wert |
Gering bis mäßig |
Hoch für die Arbeitsleistung |
| Kulturelle Validität |
Westlicher Kontext |
Weltweit validiert |
| Test-Retest-Zuverlässigkeit |
Schwankend |
Hohe Konsistenz |
Praktische Umsetzung von Persönlichkeitstests
Für Organisationen, die Persönlichkeitstests einführen möchten, sind dies die wichtigsten Überlegungen:
Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Einführung:
Schritt 1:
Definieren Sie klare Ziele für den Einsatz des Tests
Schritt 2:
Wählen Sie einen wissenschaftlich validierten Test wie den Big Five
Schritt 3:
Schulen Sie die Mitarbeiter der Personalabteilung in der korrekten Interpretation der Ergebnisse
Schritt 4:
Integrieren Sie den Test als Teil eines umfassenderen Auswahlverfahrens
Schritt 5:
Bewerten Sie regelmäßig die Wirksamkeit und nehmen Sie gegebenenfalls Anpassungen vor
Häufig gestellte Fragen
Können Persönlichkeitstests Diskriminierung begünstigen?
Ja, dieses Risiko besteht. Tests können unbeabsichtigt bestimmte Gruppen benachteiligen. Daher ist es unerlässlich, ausschließlich validierte Tests zu verwenden und die Ergebnisse mit anderen Auswahlkriterien zu kombinieren.
Wie oft verändert sich die Persönlichkeit eines Menschen?
Untersuchungen zeigen, dass die Persönlichkeit relativ stabil ist, sich jedoch durch Lebensereignisse und bewusste Entwicklung verändern kann. Tests liefern daher eine Momentaufnahme, keine lebenslange Vorhersage.
Dürfen Arbeitgeber Persönlichkeitstests vorschreiben?
Das hängt von der lokalen Gesetzgebung ab. In vielen Ländern ist dies zulässig, sofern der Test für die Stelle relevant ist und Teil eines fairen Auswahlverfahrens ist.
Was ist der Unterschied zwischen Jungs Typen und modernen Assessments?
Jung entwickelte seine Theorie für therapeutische Zwecke, nicht für die Personalauswahl. Moderne Assessments wie die „Big Five“ wurden speziell für organisatorische Kontexte entwickelt und validiert.
Können Jung-basierte Tests überhaupt für die Teamentwicklung nützlich sein?
Für Teambildung und Bewusstseinsbildung können diese Tests wertvolle Erkenntnisse liefern, sollten jedoch ergänzend und nicht als Grundlage für wichtige Personalentscheidungen eingesetzt werden.
Fazit
Die Einbindung eines Persönlichkeitstests in das Auswahlverfahren für potenzielle Mitarbeiter kann eine wirksame Methode sein, um Personen zu gewinnen, die gut zu einer Stelle und zum Unternehmen passen. Eine gute Übereinstimmung kann die Fluktuation senken und die Produktivität steigern.
Wichtigste Empfehlungen:
Setzen Sie auf wissenschaftliche Fundiertheit:
Verwenden Sie für Personalentscheidungen den „Big Five“-Persönlichkeitstest anstelle von auf Jung basierenden Tests
Kombinieren Sie Methoden:
Setzen Sie Persönlichkeitstests als Teil eines umfassenderen Auswahlverfahrens ein
Investieren Sie in Schulungen:
Stellen Sie sicher, dass HR-Mitarbeiter wissen, wie sie Ergebnisse richtig interpretieren
Bleiben Sie kritisch:
Bewerten Sie regelmäßig die Wirksamkeit Ihrer Assessment-Strategie
Entscheiden Sie sich lieber für einen wissenschaftlich fundierten Test wie den „Big Five“-Persönlichkeitstest als für einen Test, der auf der Persönlichkeitstheorie von Jung basiert.